Warum Industrie 4.0 keine Revolution ist, 3D-Druck aber schon.

Industrie 4.0 ist seit 7 Jahren in aller Munde. Von der Bundesregierung 2011 geprägt, steht der Begriff für die vierte Industrielle Revolution. Aber ist sie das wirklich?

Oder steht Industrie 4.0 „nur“ für eine beschleunigte Optimierung von Prozessen und Wertschöpfungsketten, die bereits in den 70’er und 80’er Jahren begonnen und mit neuen Technologien wie z.B. Blockchains jetzt so richtig Fahrt aufgenommen hat? Müssen wir Industrie 4.0 also nicht eher als evolutionären Meilenstein verstehen? Und verdienen nicht vielmehr die Additiven Fertigungsverfahren mit 3D-Druckern das Prädikat „Revolution“, da sich mit ihnen fundamental die Art und Weise ändert, wer Produkte, an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt herstellt? Immer mehr neue, schnelle, preisgünstige, leistungfähige 3D-Drucker drängen auf den Markt und beschleunigen eine Entwicklung, deren Tragweite noch nicht überall verstanden wird.

Dieser Artikel beschäftigt sich im ersten Teil mit dem Thema „Warum Industrie 4.0 nicht die Revolution ist, sondern die Additive Fertigung (3D-Druck)“  und im zweiten Teil mit der Frage, „Wie und warum die Revolution in der Fertigung derzeit mit neuen 3D-Technologien so richtig Fahrt aufnimmt.“

Die Karte zeigt die Druckdienstleister des 3D-Druckplattformbetreibers 3D Hubs © 3dhubs.com

Warum nicht Industrie 4.0, sondern die Additive Fertigung (3D-Druck) das Prädikat „Revolution“ verdient

Für die erste industrielle Revolution, die vor mehr als 200 Jahren begann, gilt die Erfindung der Dampfmaschine als Auslöser. Für die zweite war es die Einführung der Fließbandproduktion. Der Einsatz von computergestützten Maschinen und Industrierobotern steht für die 3. Revolution. Für die Industrie 4.0 als viertem Ereignis dieser Art soll die Verzahnung der Produktion mit moderner, über das Internet vernetzter Informations- und Kommunikationstechnik das Kennzeichen sein.

Laut Wikipedia bilden intelligente und digital vernetzte Systeme die Grundlagen für Industrie 4.0. Dazu zählten leistungsfähige Prozessoren, digitale Sensoren und die Echzeit-Vernetzung kompletter Prozesse. Mit ihrer Hilfe soll eine selbst organisierte Produktion möglich werden: „Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander. Durch die Vernetzung soll es möglich werden, nicht mehr nur einen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren. Das Netz soll zudem alle Phasen des Lebenszyklus des Produktes einschließen.“ (siehe Wikipedia)

Das Beratungshaus Deloitte sieht die Unternehmen zur schnellen Umsetzung der Industrie 4.0 gezwungen. Erforderlich würde die schnelle Einführung durch den Trend zur Individualisierung und zu einer schnell wechselnden, also volatilen Nachfrage, auf die die Unternehmen mit der Flexibilisierung der Produktion und neuen Geschäftsmodellen reagieren sollten.

3D-Druck hilft der Industrie 4.0 auf die Sprünge

Flexibel, dynamisch, digital – das sind die die leitenden Prinzipien der neuen Produktion nach Deloitte, die direkt bis zum Endverbraucher durchschlagen sollen. Bestimmte Artikel könnten Kunden bereits beim Einkauf in bisher nicht gekannter Weise nach ihren individuellen Wünschen personalisieren. Damit einher gingen in der Smart Factory eine optimierte Maschinennutzung und ein geringerer Verbrauch von Energie. Mithilfe modernster Sensoren würde der Verschleiß selbsttätig überwacht und die Wartung perfektioniert: Industrie 4.0 bedeute höchste Effizienz aller Systeme dank Predictive Maintenance – mit dem Ziel „zero downtime“.

Ein Beispiel dafür ist laut Deloitte die Individualisierung von Schuhen durch Online-Konfiguratoren im Internet.

Sohlen für Adidas Laufschuhe werden jetzt mit 3D-Druckern gefertigt.

Sogar „Losgröße 1“ sei jetzt für die Industrie machbar. Noch vor kurzem wäre ein solcher Ansatz unwirtschaftlich gewesen. Doch umfassende Digitalisierung und intelligente Maschinen ermöglichten inzwischen eine granulare Fertigung von Werkstücken bis hin zu Einzelexemplaren, etwa mit Hilfe von 3D-Druckern für individuelle Produkte. (vgl. Deloitte, Industrie 4.0: Meilenstein für die Produktion – und mehr!)

Nur die Additive Fertigung mit 3D-Druckern ermöglicht Losgröße 1

Die beiläufige Erwähnung von 3D-Druck in der Deloitte-Argumentation wird dem Gesamtzusammenhang nicht gerecht. Richtig müsste es heißen:
Nur 3D-Drucker versetzen Unternehmen in die Lage, individuelle Massenfertigung (Losgröße 1) zu realisieren.
So lange die Unternehmen noch mit anderen Fertigungsverfahren, subtraktive (z. B. Fräsen) oder formgebende (z. B. Gießen), arbeiten, nutzt die ganze Flexibilisierung „drumherum“ nichts, bringen auch Sensoren und Vernetzung wenig im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit von Losgröße 1. Ein neues Werkzeug zu bauen, kostet Zeit und damit Geld. Die Rüstkosten und -zeiten steigen deutlich, wenn die Produktionsanlagen häufiger an individuelle Anforderungen angepasst werden müssen. Das Dilemma der traditionellen Produktionsweise bleibt: Die Optimierung der Maschinennutzung hilft nicht weiter, Werkzeuge und Maschinen brauchen Auslastung, um optimale Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Dies war und ist der Grund, warum sich bis heute die Massenproduktion auf zentrale Standorte konzentriert. Motorräder zum Beispiel werden vom Hersteller BMW seit mehr als 50 Jahren in Deutschland nur noch an einem einzigen Standort, in Berlin, produziert. Betriebswirtschaftler sollte das nicht wundern, hat doch bereits Eugen Schmalenbach 1928 in seiner berühmten Wiener Rede auf die Natur und Wirkung der Fixen Kosten hingewiesen.

3D-Druck verändert die Gesetzmäßigkeiten der Massenproduktion

3D-Drucker waren zum Zeitpunkt der Wiener Rede noch nicht erfunden. Schmalenbach hat lange Recht behalten. Erst seit es die Möglichkeit gibt, Produkte generisch bzw. additiv ohne den Einsatz von Werkzeugen und anderen Maschinen zu fertigen, ist die wirtschaftliche Notwendigkeit zu hoher Auslastung und großen Stückzahlen aufgehoben. Beim Einsatz von 3D-Druckern dagegen stellt die Gleichartigkeit eines Produktes kein Kostenkriterium dar.

Serienfertigung vs. Mass Customization:
Foto links: Carlos Delgado, über Wikimedia Commons. Foto rechts: Formlabs

Auf der selben Bauplattform können ganz unterschiedliche Modelle gefertigt werden, ohne dass sich die Kosten pro Stück grundsätzlich ändern. Natürlich müssen auch 3D-Drucker abgeschrieben werden, wodurch fixe Kosten entstehen. Nur entsteht durch sie kein wirtschaftlicher Zwang, die Produktionskapazitäten mit in Serie gefertigten, gleichartigen Produkten auszulasten zu müssen.

Nicht Industrie 4.0 per se, sondern nur die Einführung von 3D-Druckern bietet die Chance auf Losgröße 1 und die wirtschaftliche Herstellung individueller Produkte. Die drei so bezeichneten früheren industriellen Revolutionen bezogen sich immer nur auf die Optimierung der eingesetzten subtraktiv arbeitenden Maschinen- und Werkzeuge bzw-. vor- und nachgelagerten Prozesse.

In diesem Sinne hat es bisher nicht vier, sondern nur eine einzige industrielle Revolution gegeben. man könnte diese insgesamt als 1. Phase industrieller Revolutionen zusammenfassen. Nach der Erfindung der Dampfmaschine wurden zwar enorme technische Fortschritte gemacht. Danach handelt sich aber um einen evolutionären Prozess, der die Massenproduktion auch für neue Produktinnovationen immer günstiger machte.

Die theoretische Vorlage für die 1. Phase der Industriellen Revolution lieferte der Begründer der  klassischen Nationalökonomie Adam Smith mit seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“. Im ersten Kapital  zeigt der Autor, die Wirkung der Arbeitsteilung am Beispiel der Stecknadelproduktion auf . Wenn nicht die Arbeitsteilung aus der Stecknadelproduktion ein eigenständiges Gewerbe mit speziellen Maschinen gemacht hätte, könnte ein nicht speziell in diesem Handwerk ausgebildeter Arbeiter „sicherlich keine zwanzig Nadeln und vielleicht nicht einmal eine Nadel am Tag herstellen“. Hingegen stellen in einer kleinen spezialisierten Manufaktur zehn Arbeiter täglich etwa 48000 Stecknadeln und somit jeder Arbeiter 4800 Stecknadeln her. „Und dieses ungeheure Anwachsen der Produktion in allen Gewerben, als Folge der Arbeitsteilung, führt in einem gut regierten Staat zu allgemeinem Wohlstand, der selbst in den untersten Schichten der Bevölkerung spürbar wird“ (WN, Kap. 1, Adam Smith: Über den Wohlstand der Nationen: Eine Untersuchung über seine Natur und seine Ursachen. 1776, vergl. auch Wikipedia ).

Als zweite Phase industrieller Revolution sollte die Additive Fertigung und der 3D-Druck bezeichnet werden, da sie individuelle Massenfertigung ermöglicht und die Art und Weise, wie, wo und wann, von wem Produkte hergestellt werden, fundamental verändert. (siehe Abbildung).

Mit dem Einsatz von 3D-Druckern wird der Nutzen der klassischen Arbeitsteilung obsolet. Bei der Additiven Fertigung bietet die Homogenität der Produkte wie erwähnt keinen Kostenvorteil und die Unterschiedlichkeit der Bauteile keinen Kostennachteil. Auf der gleichen Bauplattform können unterschiedlichste Stecknadeln, Knöpfe oder vieles mehr gefertigt und ständig variiert werden.  Mit anderen Worten: 238 Jahre nach Adam Smith sein Werk veröffentlichte, ist es Zeit, eine neue Theorie über die Produktion zu entwickeln. Die nachfolgende Abbildung will dazu einen Beitrag leisten.

Die Veränderungen durch 3D-Druck sind viel grundlegender als durch Industrie 4.0

Wie beschrieben kann der 3D-Druck der Industrie 4.0 auf die Sprünge helfen, um individuelle Massenfertigung oder Mass Customization, wie die Amerikaner sagen, einführen zu können. Nur gehen die Auswirkungen des 3D-Drucks  weit darüber hinaus. Jedes Industrieunternehmen muss die Frage der Fertigungstiefe neu stellen. Für Make-or-Buy Entscheidungen müssen jetzt weitere Alternativen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden: Neben der Frage „Produziere ich selbst oder kaufe ich zu?“ treten die Optionen: „Ersetze ich die klassische Produktion einzelner Produkte durch Additive Fertigungsverfahren“ und  „Investiere ich selbst in 3D-Drucker oder nutze ich externe Dienstleister.“ Wer selbst 3D-Drucker anschafft, hat die Möglichkeit, mit diesen Produkte für viele weitere Märkte herzustellen. Hier deutet sich an, dass es einen komplexen Mix geben muss, der für alle einzelnen Produkte kostentechnisch den „Break-even-point“ der unterschiedlichen Fertigungsverfahren berücksichtigt.

Bei Maschinenbauern wie der AUMAT GmbH aus Solingen stellt sich die Frage Make or Buy täglich neu. Fakt ist: Immer mehr der in den Maschinen verbauten Teile stammen aus eigenen 3D-Druckern.

Um noch einmal das Exempel „Motorrad“ zu strapazieren: Vor zwei Jahren überraschte die Airbus-Tochter Apworks mit dem Light-Rider, einem nur 35 Kilogramm schweren Elektromotorrad aus dem Metall-3D-Drucker. Wie erwähnt, war BMW 50 Jahr lang in Deutschland der einzige Produzent dieser Fortbewegungsmittel. Jetzt kommt ein Flugzeugbauer und produziert mit seinen 3D-Druck Kapazitäten 500 Exemplare.

Bisher war es eine Domäne von Motorradherstellern. Jetzt fertigte Flugzeugbauer Airbus 500 Elektro-Motorräder mit 3D-Druckern. © Foto: APWorks

Das 3D-gedruckte Motorrad veranschaulicht die Tragweite der neuen Fertigungstechnologie im industriellen Kontext. Branchenfremde Anbieter können jetzt die Vielseitigkeit ihrer 3D-Drucker nutzen, um ganz neue Märkte zu erobern.  Und dabei beweist der 3D-Druck seine Stärken nicht nur durch die Fähigkeit zur individuellen Fertigung. Er gibt auch Designern und Konstrukteuren Formfreiheit, um Produkte besser zu machen. Der Light-Rider-Rahmen aus einer Aluminium Legierung wiegt nur 5 kg. 3D-Druck ermöglicht eine Ressourcen schonende Leichtbauweise für die Mobility-Branchen. Flugzeugbauer wie Airbus wissen das und sind nicht umsonst Pioniere der Additiven Fertigung. Etwas weiter gedacht, kann das erwähnte „Motorrad“ demnächst vom Händler um die Ecke gedruckt werden, maßgeschneidert auf die Körpermaße des Bikers. 3D-Druck ermöglicht die Fertigung von Produkten wann und wo sie gebraucht werden. Auf der internationalen Raumstation ISS, die über einen 3D-Drucker verfügt, hat jüngst ein Astronaut der NASA ein Werkzeug, das er benötige, einfach mal gedruckt.

Das Werkzeug-Modell wurde von der NASA zur ISS „gebeamt“ und mit dem bordeigenen 3D-Drucker vor Ort gefertigt. © Fotos: NASA
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Das Beispiel, das durch die Presse ging, zeigt: Lagerhaltung und lange Transportwege gehören der Vergangenheit an. 3D-Drucker ermöglichen Just-in-Time Fertigung. Und der Sportschuhhersteller Adidas bringt dank 3D-Druckern die Produktion zurück nach Deutschland: In seiner Speedfactory fertigt er individuelle Sohlen auf der Basis von 3D-Scans der Füße seiner Kunden. Womit wir wieder bei Losgröße 1 angelangt wären.

Diese massiven Veränderungen bedeuten einen gewaltigen Wandel für die Industrie, die Märkte und grundsätzlichen Wettbewerbsverhältnisse. Schon heute kann auf 3D-Modell-Plattformen wie Thingiverse oder MyMiniFactory aus Millionen von 3D-Modellen das geeignete ausgewählt, in Sekundenschnelle heruntergeladen und mit eigenem Drucker oder bei einem Dienstleister gefertigt werden. Einen Dienstleister kann man sich auf 3D-Druck-Plattformen wie 3Dhubs oder treatstock aussuchen, wo weltweit zehntausende 1-Mann-Betriebe und auch größere Unternehmen ihre 3D-Druck-Kapazitäten anbieten.  Das Schlagwort von der Demokratisierung der Produktion wird sich bewahrheiten, wenn die dynamische technologische Entwicklung rund um die Additive Fertigung weiter anhält, wenn 3D-Drucker laufend preisgünstiger, schneller und besser werden.

Wie und warum die Revolution in der Fertigung derzeit mit neuen 3D-Technologien so richtig Fahrt aufnimmt.

Neue 3D-Druck-Technologien befeuern die Industrielle Revolution

Die neuen 3D-Drucktechnologien müssen drei Kriterien genügen, um sich durchzusetzen. Sie müssen besser, preiswerter und schneller werden. Vieles deutet darauf hin, dass diese Kriterien, zügiger als man vermuten könnte, erfüllt werden:

Innovative 3D-Druckverfahren und Werkstoffe liefern bessere Ergebnisse 

Die Additive Fertigung hatte schon immer den Vorzug, dass sich mit ihr Geometrien verwirklichen lassen, die konventionell nicht herstellbar sind. Aber es gab immer auch Kritik. Zum Beispiel wurden oft die Festigkeit, die Oberfläche der Bauteile oder die Wiederholgenauigkeit der Fertigung moniert. Inzwischen kommen aber immer neue 3D-Druckverfahren, neue Materialien und neue Software auf den Markt, die einerseits einen Aufholprozess gegenüber den beschriebenen Anforderungen bedeuten und andererseits technische Fortschritte insgesamt ermöglichen. Im Materialbereich sind es zum Beispiel 3D-Drucker des US-Herstellers Markforged, die Verbundwerkstoffe wie Karbon oder Kevlar verarbeiten und Aluminium-ähnliche Festigkeiten erreichen. Oder der deutsche Hersteller Apium, der Drucker anbietet, mit dem das Hochleistungspolymer PEEK 3D-gedruckt werden kann. Der Werkstoff ist bis über 300 Grad hitzebeständig und kann für menschliche Implantate genutzt werden.

Bunt ist Beautiful

Neue 3D-Druckverfahren bieten immer erstaunlichere Ergebnisse. Vollfarbdrucker waren bis vor einiger Zeit die Domäne von Colorjet-Printern (ZPrinter, heute 3D-Systems) für Polymergips. Nie zuvor gekannte Qualität bietet seit dem vergangenen Jahr aber die J750 von Stratasys, der mit dem Polyjetverfahren 360.000 Farben schafft und damit nicht genug, auch unterschiedliche Materialien kombinieren kann.

Der J750: Die hohe Kunst des 3D-Drucks mit unterschiedlichen Farben und Materialien. Fotos © stratasys.com

Inzwischen gibt es bereits die ersten Desktop-Multicolor-3D-Drucker. Demnächst könnte der Computer-Gigant Apple folgen

Immer im Fokus: Metall

Standard für den Metall 3D-Drucker waren bisher Pulverbett-basierte Verfahren (DMLM = Direct Metal Laser Melting) die in den neunziger Jahren in Aachen erfunden wurden. Inzwischen gibt es ganz neue Ansätze. Zu nennen ist das Verfahren 3DMP des Berliner Startups Gefertec. Mittels Lichtbogen-Technologie werden in einer Art Auftragsschweißverfahren auch sehr große Werkstückes aus unterschiedlichen metallischen Werkstücken gefertigt. Spektakulär ist auch der Ansatz des israelischen Herstellers XJet und seiner patentierten NanoParticle Jetting (NPJ) Technologie mit dem Objekte nicht nur aus Metall sondern auch aus Keramik gefertigt werden können.
Damit nicht genug. So genannte FDM- (Fused Deposition Modeling) Verfahren, mit denen bisher Kunststoffe wie ABS und PLA verarbeitet wurden, können jetzt auch Metall. Zwei Hersteller kristallisieren sich hier als potenzielle Technologieführer heraus: Desktop-Metal und Markforged.

Metall 3D-Druck mittels FDM-Verfahren Fotos © Markforged.com

Auch wenn nach dem 3D-Druck noch weitere Prozesse (u. a. Sintern) erforderlich sind, kann auch diese Verfahrensart eine neue Ära des Metall-3D-Drucks einläuten.
Traditionelle Metall verarbeitende Betriebe müssen wachsam sein und sollten sich dringend mit dem Thema Additive Fertigung befassen. Die durch 3D-Druckverfahren ausgelöste industrielle Revolution macht nämlich vor der Metall-Industrie nicht Halt.

Neue Geschwindigkeitsrekorde

Wer mit 3D-Druckern arbeitet, wünscht sich sicher oft, dass die Objekte schneller fertig werden. Meist geht der Versuch schneller zu sein, auf Kosten der Qualität. Verglichen zum Beispiel mit dem Spritzguss als Fertigungsverfahren war der 3D-Druck bisher eher eine Schnecke, wobei man immer konstatieren muss, dass Kosten und Zeit für die Erstellung der Gussform auch nicht ohne sind. Dennoch sind für die Individuelle Massenfertigung schnellere Druckverfahren, die jetzt auf den Markt kommen, ein Segen.

Den Beginn des „Geschwindigkeitsrauschs“ markiert die TED-Speach des Carbon3D-Firmengründers Joseph de Simon in 2015 mit dem Titel „What if 3D printing is 100x faster?“. Während der 10 Minuten Rede fertigte der 3D-Drucker mit dem Namen M1 ein ca. 10 cm großes Objekt. Inzwischen hat die Firma Adidas 50 dieser Geräte angeschafft, um damit in diesem Jahr 100.000 Paar individuelle Sneakers zu produzieren.

Carbon3D: 100mal schneller Foto © carbon3d.com

Dass mit Lichtaushärtung funktionierende Verfahren derzeit die schnellsten Ergebnisse erzielen, zeigt auch das US-Start UNIZ. Das in einer Kickstarter-Kampagne beworbene Spitzengerät zSLTV-T, das mit einer LCD-(SLA)-Technologie arbeitet, verfügt über ein Bauvolumen von 52,1 x 29,3 x 65,1 cm und sorgt mit einer Geschwindigkeit von 7,000 cc/hr (solid) und 56000 cc/hr (envelope speed) für Aufsehen. So lassen sich in weniger als fünf Minuten 20 Dentalmodelle fertigen. (Mehr dazu hier …)

Damit nicht genug, in Zukunft könnten 3D-Drucke nicht mehr in Minuten oder Stunden sondern in Sekunden fertig werden. Das Lawrence Livermore National Laboratory stellte jüngst eine neue Technologie vor, die es ermöglichen soll, komplette 3D-Formen in Sekunden mit holographischen Lichtfeldern herzustellen. Mit insgesamt drei Laserstrahlen, die auf einen mit Harz gefüllten Behälter gerichtet sind, erzeugen die Forscher des Instituts ein 3D-Lichtmuster des zu druckenden Objektes (Hologramm). Dessen Strukturen werden dann in nur einem einzigen Schritt in nur 10 Sekunden erstellt (mehr dazu…). Mass Customization in hohen Geschwindigkeiten lässt sich aber nicht nur durch schnellere Drucker realisieren, sondern auch dadurch, dass viele Geräte gleichzeitig genutzt und automatisiert werden. Der SLA-Desktop Pionier Formlabs will genau das mit seiner Form Cell erreichen.

Die Form Cell für Mass Customization Foto © Formlabs.com

Die Kosten der Additiven Fertigung sinken dramatisch auf breiter Front

Auslöser für das Auftreten neuer Wettvewerber und damit sinkender Drucker-Preise war in der Vergangenheit häufig das Auslaufen von Patentrechten. Inzwischen sind die Patente vieler 3D-Druckverfahren ausgelaufen – mit bemerkenswerten Folgen:

Der eben zitierte erste Vollfarb 3D-Drucker, der Da Vinci Color  ist für ganze 3.600 EUR erhältlich und für zuverlässige FDM-3D-Drucker mit großem Bauraum legt man in China gerade mal ein paar Hundert EUR auf den Tisch. Die erwähnten neuen FDM-3D-Drucker läuten auch im Metall-Bereich einen gewaltigen Preisverfall ein.

Dasselbe gilt für die neuen Metall-3D-Druckverfahren, die teilweise um ein Vielfaches preiswerter als die klassischen Pulverbett-basierten Verfahren auf den Markt kommen.

Im Bereich des sogenannten SLA (Stereolithographie) – Verfahrens hat sich die Firma Formlabs das Verdienst erworben, den SLA Druck erschwinglich gemacht zu haben. Besonders Dentallabore und Juweliere freuen sich darüber.

Jetzt folgt der oben erwähnte Hersteller UNIZ, dessen schnelle Geräte nicht nur eine gute Oberflächenqualität liefern sollen, sondern auch enorm günstig zu haben sind. 20 Dentalmodelle in 5 Minuten können damit für Anschaffungspreise unter 10.000 EUR hergestellt werden. Professionelle Fertigung zu Tiefstpreisen. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Bisher hatte sich die Additive Fertigung erst in einigen Branchen durchgesetzt, wo sich ihre Vorteile am signifikantesten gezeigt haben, z. B. in der Medizintechnik (individuelle Implantate, Orthesen, Hörgeräte) und in der Luftfahrt (wg. Leichtbau). Mit den sinkenden Preisen erfasst sie zukünftig weite Teile der Fertigungsindustrie.

Innerhalb der Wertschöpfungskette sind für Produktionsmittel dank Additiver Fertigung immer geringere Investitionen erforderlich. Wenn dann aber alle viel preiswerter produzieren können, werden die Wettbewerbsvorteile auf anderen Gebieten liegen. Viel wichtiger, weit entscheidender für die Wertschöpfung sind zukünftig Produktidee, Funktionalität, Design und Material.

Summary:

  • Industrie 4.0 ist nur eine evolutionäre Fortentwicklung der so genannten 3. Industriellen Revolution.
  • Losgröße 1  bzw. individualisierte Massenfertigung kann die Industrie 4.0 nur mit 3D-Druckern erreichen.
  • Da 3D-Druck die Art und Weise ändert, wie, von wem, wann und wo Produkte hergestellt werden, ist die Additive Fertigung die eigentliche nächste Industrielle Revolution.
  • Durch neue leistungsfähige, superschnelle und preiswerte Verfahren 3D-Druck, nimmt die Industrielle Revolution Fahrt auf.